Naturkundliche Etüden in loser Folge


5

Der Schweiß, der Eisvogel und die Einheit der Welt

Es gibt einen Kleinen Eisvogel, einen Großen Eisvogel und einen Blauschwarzen Eisvogel. Gemeint sind nicht Varietäten des Vogels Alcedo, der Eisvogel, der bei uns an der Wutach lebt, sondern drei Schmetterlinge aus der Gattung der Nymphalidae. Ob da der kleine oder große oder der blauschwarze fliegt, ist für den Laien schwer zu unterscheiden. Der Große Eisvogel läßt sich vielleicht am leichtesten ausmustern, da er nicht die charakteristische eine weiße Binde auf der Oberseite der Flügel trägt. Diese hat dafür auch der Schwarze Trauerfalter. Sitzt ein solch gemusterter Schmetterling auf einem Feldweg und saugt Feuchtigkeit, ist das vielleicht die beste Gelegenheit ihn zu bestimmen, denn er faltet dabei manchmal seine Flügel und so wird seine Unterseite sichtbar. Nun wird es mit Hilfe meines Schmetterling-Bestimmungsbuches von Higgins/Riley, das ich mir auf Empfehlung von Vladimir Nabokov antiquarisch für ein Zwei-Café-Tassen-Geld erstanden habe, klar: der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) ist ohne Postdiskalpunkte auf der Unterseite seines Hinterflügels, der blauschwarze Eisvogel (Limenitis reducta) hat nur eine Reihe solcher Punkte und der Kleine Eisvogel (Limenitis camilla) ist mit zwei Reihen geschmückt. Männchen und Weibchen sehen morphologisch, also von ihrer sichtbaren Form und Farbgebung, gleich aus. Auf unserem Bild ist daher der Kleine Eisvogel zu sehen – Der griechische Artname Limenitis heißt übersetzt „dem Hafen zugehörig“ und war in der Antike häufig Beiname einer Schutzgöttin oder Schutzgottes – dann halt Limenitēs – und der Namensgeber Linné dürfte daran gedacht haben, dass der Schmetterling bevorzugt in feuchten Wäldern zu finden ist – Schutzgötter führen wir heute ja nicht mehr in unserem geistigen Repertoire. Mit dem Beinamen Camilla, die ehrbar geborene, schlicht nach einem Frauenvornamen benannt. 

Camilla fliegt in einer Generation von Juni bis August, an günstigten Stellen entwickelt sich eine unvollständige zweite Generation. In Europa kommt die Art bis Südengland und Südschweden vor. Sie fehlt auf der Iberischen Halbinsel und in Süditalien, in Griechenland und auf den Mittelmeerinseln. Camilla lebt besonders an Stellen, wo die Futterpflanze der Raupe vorkommt. Diese lebt von Lonicera-Arten, von Wald-Geissblatt und roter Heckenkirsche. 

Unsere Camilla habe ich im Zankföhrle angetroffen, während sie auf dem Feldweg Feuchtigkeit aufsaugte. Sie ließ sich kaum stören. Und sie hat eine Besonderheit. Ihre Flügeloberseite geht mehr ins Schwärzliche als ins Bläulich-Bräunliche, was sonst üblich ist beim Kleinen Eisvogel. Auffallend auch der etwas blaßere rechte Hinterflügel. In der Literatur ist von melaninen Aberrationen der Art die Rede. Das trifft wahrscheinlich auch auf die Abgebildete zu. Das Exemplar wäre sicherlich ein Fall für die wissenschaftliche Genetik. Ich scheuche es auf Nimmerwiedersehn vom Weg, denn ich bemerke tapsige Spaziererinnen mit Hund anwedeln.

Die grüne dornenbewehrte Raupe spinnt sich aus dem Blatt ihrer Futterpflanze ein Hibernarium oder Hibernaculum, ein Winterlager. Im 3. Larvenstadium fängt die Raupe an, das Blatt auf beiden Seiten bis zur Mittelrippe einzuschneiden, trennt den oberen Teil ab und umspinnt den Blattstil mit dem Zweig. Auf der Rippe liegend, nimmt die Raupe mit ihrer Länge maß und rollt sich dann ein und verspinnt die Seiten. Die Raupe verkleinert sich durch Entwässerung, um sich vor Frostschäden zu bewahren. »Winterlager« mit diesem Begriff assoziere ich so etwas wie Dreißigjähriger Krieg, Hibernaculum klingt verheißungsvoller: wie Tabernakel, nach zart-wohligem, festen, heiligenSchlaf. Ich werde es suchen gehen.

Die Gemarkung Zankföhrle gehört zu meiner wöchentlichen Laufstrecke, und bei meiner Laufrunde habe ich die Camillas zuerst entdeckt. Einmal habe ich ein Stück Käse, ein Allerwelt-Rustique aus dem Supermarkt, eingesteckt, der als Lockstoff gelten soll, unterbrach mein Jogging und blieb stehen. Nach wenigen Minuten flog mich prompt eine Camilla an, die sonst in ihrem chaotischen Fluge kaum mit den Augen zu fassen ist. Ich blieb verwurzelt wie eine Pflanze und bot den salzigen Schweiß zum Saugen. Gibt es ein prickelnderes Erlebnis? Gehen hier nicht Wunsch-Träume in Erfüllung? Wird hier nicht Eingebildetes real? Sublimität, Erhabenheit & Einheits-Begehren – Ereignet es sich nicht hier? Und nur der Schweiß als kostenloses Zahlungsmittel, um solche Einheit mit der Welt zu spüren. (Andreas Mahler)


4

Eine Aschgraue Sandbiene für den Giersch.

Den meisten Gartenbesitzern ist der Gewöhnliche Giersch ein Ärgernis. Nicht willkommen breitet er sich durch seine unterirdischen Triebe im Garten aus und hat den Ruf eines auszurottenden Unkrautes. Wer ihm Herr werden will, hat allerdings schlechte Karten. Denn die Pflanze soll auf die handelsüblichen Herbizide gar nicht reagieren. Nicht mal Glyphosat soll das Aegopodium, der Ziegenfuß, vernichten. Und Aushacken reizt ihn eher zu Triebvermehrung. Zwei Jahre mit einer Plane überdecken, soll der Pflanze den Garaus machen Aber muß das sein? Was sonst tun?

Zumindest sich nicht ärgern. Denn Aegopodium podagraria, so der komplette lateinische Artname, hat seine Vorzüge. Während die Blattgestalt eben den Namensgeber an einen Geissfuß erinnert hat, verweist das Beiwort auf die schmerzlindernde Wirkung bei Gicht (Podagra) und Rheumatismus. Zumindest in der Volksmedizin vergangener Jahrhunderte. Junge Blätter eignen sich vorzüglich als wohlschmeckende Rohkost – nicht nur für Kaninchen. Petersilie- und Mangogeschmack werden den Blättern nachgesagt. Ich werd’s nochmal nachschmecken. Ältere Blätter geben als Wildgemüse ein spinatähnliches Mahl ab. In Kriegs- und Krisenzeiten war (und ist?) der Giersch ein unverwüstlicher Vitaminlieferant durchs ganze Jahr, der kaum standörtliche Ansprüche stellt und ob seines dreieckigen Stengels auch kaum zu verwechseln ist. Bequemstes Gemüseziehen also.

Ich lasse in stehen und wachsen nicht nur als stille Reserve, sondern vornehmlich aus Anschauungsgründen – wegen seiner schönen Doldenblüten, die ab Mai / Juni vor allem Wildbienen oder auch Schwebfliegen zu Hauf anlocken. Der Giersch ist ein Schule des Sehens. (Eine Kunstkennerin bekundete mir, dass der Garten von Monet voller Giersch gewesen sei.) Die Blüte ist unscheinbar, aber blütenrein weiß. Man muß schon nahe ran, um die Einzelblüte zu goutieren, die für mich schöner und reizvoller als manche fette Zuchtblume. Auch die kümmelähnliche Spaltfrucht macht sich später ganz gut doldig unter blauem Frühspätsommerhimmel aus.

Auf dem Bild ist wahrscheinlich die Aschgraue Sandbiene, Andrena cineraria, zu sehen, die sich am Giersch labt. Ich bin allerdings kein Wildbienenspezialist und kann mich täuschen. Aber ganz falsch liege ich sicherlich nicht. Der aschgraue Flaum ist doch gut zu erkennen. Unsere Andrena ist ein Allrounder, besucht aber ganz gerne Doldenblütler wie meinen Giersch. Die Art fliegt in einer Generation pro Jahr von März bis Ende Mai. Jetzt, im Juni, da ich diesen Text schreibe, dürfte sie verschwunden sein, die Nachkommen wohlverwahrt in unberührter, unbeackerter Erde. Andrena cineraria brütet in Erdnester, die sie 10 bis 25 cm eingraben, mit vielleicht zwei Brutkammern. Diesbezüglich sind sie wenig anspruchsvoll. Sie vermehren sich dort, wo sich die Gelegenheit bietet. Haben auch keine specielle Nektarquelle. Eine Allerweltswildbiene also, wenn man so will. Ach, kennte doch jeder Schüler nicht nur den Pythagoras sondern nur eine solche Wildbienenart dem Namen nach. Nicht auswendig, sondern inwendig. Es gäbe eine Auswahl von zirka 500 Bezeichnungen. In der Wutachschlucht soll’s alleine 170 verschiedene Arten geben. Käme dann noch ein wenig ästhetische Unkrautpflege à la Giersch dazu: die Welt wäre verträglicher und nicht nur rechtwinklig triebgesteuert. (Andreas Mahler)


3

Anläßlich einiger Bläulinge am Buchberg bei Blumberg

Für den Wanderer ist Scheiße – Pardon: ein Kothäuflein – auf einem Feldweg manchmal doch von Vorteil. Führt er nämlich an Wiesen vorbei, die nicht überdüngt sind und zudem Kleearten aufweisen, kann es sein, dass die Männchen des Hauhechelbläulings auf liegengebliebenem Kot Feuchtigkeit und Nährstoffe aufsaugen. Die männlichen Falter sind kaum zu übersehen, treten sie doch in Gruppen auf und lassen sich auch so schnell nicht verscheuchen. Bläulinge zeichnen sich oft durch Dimorphismus aus, d. h. die Weibchen haben eine andere Flügelzeichnung – bei unserer Art eben nicht die  charakteristische, durchgehend blaue Schuppenfärbung der Oberseite, und die Falterin lebt auch versteckter.

Der Hauhechelbläuling wird manchmal auch als „Gemeiner Bläuling“ bezeichnet. Lateinisch heißt er Polyommatus icarus – „vieläugiger Ikarus“. Die beiden deutschen Namen sind nicht ganz glücklich gewählt. Zum einen dient der Hauhechel (Ononis espinosa) nur gelegentlich zur Eiablage des Falters und als „gemein“, also im Sinne von überall anzutreffen, kann der Schmetterling Anfang des 21. Jahrhunderts nun ganz und gar nicht mehr bezeichnet werden. In flurbereinigten Arealen mit intensiver Landwirtschaft fehlt er meist ganz oder ist selten anzutreffen. In heißen Frühlingen fliegt die erste Generation dieses Bläulings bereits Anfang Mai, so wie dieses Jahr. Ich habe den Falter am 3. Mai am Südabhang des Buchbergs bei Blumberg angetroffen (unbedingt empfehlenswerte Wanderung Fützen, Buchberg, Epfenhofen & retour auf verschiedenen Varianten). Der Schmetterling lebt in blumenreichen, also nicht überdüngten Glatthaferwiesen und in herbizidfreien Feld- und Wiesenrainen, versaumten Magerrasen usw. und kann sogar innerhalb von Ortschaften vorkommen. Die Eiablage ist in nicht zu gepflegten Gärten beobachtet worden. Ob die Larvalentwicklung hier abgeschlossen werden kann, entscheidet der nächste Einsatztermin des Rasenmähers, wie es in Bd. 2 von „Die Schmetterlinge Baden-Württembergs“ heißt. 

Noch einige ökologische Details könnten hier ausgebreitet werden. Erinnert sei stattdessen einmal an den Schriftsteller Vladimir Nabokov, da er Spezialist für Bläulinge war und deren Systematik durch seine Forschungen entscheidend vorantrieb. Ab dem Jahre 1943 führte er als Emigrant für 5 Jahre ein Dreifachleben als Lepidopterologe, als Schriftsteller und als Lehrer für Literatur und Russisch. Am Museum für Vergleichende Zoologie in New York arbeitete er zuerst unentgeltlich, später bekam er ein bescheidenes Forschungsstipendium. DNA-Analysen konnten damals noch nicht durchgeführt werden. Die Abgrenzungen der einzelnen Arten erfolgten durch morphologische Unterscheidungen. Ein wesentliches Kriterium bei Bläulingen liegt in der Form der männlichen Geschlechtsteile, deren Unterschiede auch die Artzugehörigkeit klassifiziert. Nabokov hat sie akribisch unterm Mikroskop untersucht und damit die evolutionäre Systematik der Bläulinge modifiziert. Von seinen wissenschaftlichen Zeichnungen, für die er Karteikarten benutzte, sind über 1000 erhalten. Sie habe eine ganz eigene Ästhetik. Auch das typische Geschlechtsteil unseres gemeinen Bläulings vom Buchberg hat er gezeichnet und schattiert. Abgebildet ist hier indes das Teil von Polyommatus argyrognomon wegen seiner farbigen Reproduktion. Nabokov war stets an lokalen Unterarten der Schmetterlinge interessiert. Gefunden habe ich eine Skizze Nabokovs mit einer Eingrenzung von Baden. Wer wird mir verdenken, daß ich den letzten Punkt der südöstlichen Grenzlinie natürlich als Stühlingen identifiziere, das er passiert hat, als er in den1920er Jahren von Waldshut nach Konstanz gefahren ist. In seinen schriftstellerischen Werken (Erzählungen, Romane, Essays) hat Dieter E. Zimmer, Herausgeber der Gesamtausgabe und sein Übersetzer, etwa 700 Referenzen ausfindig gemacht, die mit Lepidoptera und Lepidopterologen zu tun haben. Schmetterlinge stehen in den poetischen Werken Nabokovs oft als  Symbol für die Grenze des Wissbaren, die er erweitern wollte.

„Ein Dutzend kleiner Schmetterlinge, alle von einer Sorte, hatten sich auf dem feuchten Kotfleck niedergelassen, die Flügel aufrecht und geschlossen, so daß ihre bleichen Unterseiten mit dunklen Punkten und winzigen, orangengesäumten Pfauenflecken entlang der hinteren Flügelränder zu sehen waren; ich störte einige von ihnen, so daß sie die Himmelfarbe ihrer Oberseiten zeigten und wie blaue Schneeflocken umherstöberten, bis sie sich von neuem niederließen.“ Buchberg- oder Romanerlebnis? –  gleich gültig.

Wer ein neueres Buch über Schmetterlinge lesen will, greife zu Anita Albus, „Sonnenfalter und Mondmotten“. Hier wird naturkundliches Wissen und historische Bildung mit dem genauen Blick der Künstlerin verknüpft. Einzelne Schmetterlinge sind hier nicht photographisch, sondern gemalt durch Albus dargestellt. Auch darin unterscheidet sich die Ausgabe von den gängigen Photo-Sachbüchern. Wer „Sonnenfalter und Mondmotten“ gelesen oder auch nur kursorisch in „Die Schmetterlinge Baden-Württembergs“ geblättert hat, kann sich der Einsicht nicht erwehren, dass wir mit unserer Art des Wirtschaftens zwar einen Konsum-Wohlstand geschaffen, gleichzeitig einen unerhört schönen, evolutionär unersetzlichen Lepidoptera-Wohlstand verkannt und im wörtlichen Sinne abgeschafft haben. (Andreas Mahler)


2

Der Spitz-Ahorn als Hoffnungsschimmer im Wald

Die Wälder rund um Stühlingen zeigen erste Blütenfarbtupfer. Etwa das Vogelkirschen-Weiß und das Schlehen-Weiß. Letzteres fast schon verweht. Unübersehbar aber auch die hellgrüngelblichen Kronenbilder, gemalt von den Blütenständen des Spitzahorns, Acer platanoides, in den Waldhängen. Seine Blüten treiben zeitlich vor den zartgrünen Blättern aus. Die  Knospenschuppen stehen noch.  Der satte Farbeindruck entsteht durch die traubigen Blütenstände, die in ihrer Gesamtheit gemütshebende Stimmung hervorrufen. Die meisten anderen Bäume sind ja noch kahl. Die forstwirtschaftlich Bedeutung des Spitzahorns gegenüber dem Bergahorn war bis jetzt geringer. Letzterer wird älter und größer. Ob seines Frühjahrsschmuckes wurde der Spitzahorn oft in Parks angepflanzt. Es gibt dort Varietäten mit rotbraunen Blättern. Der eine oder andere Privatwaldbesitzer freut sich nicht nur über die zeitige grüngelbe Blütenpracht in seinem Bestand. Da die meisten Fichten wegen Käferbefall eingegangen sind und die in unserer Gegend nicht eben seltenen Eschen ob des von Asien eingeschleppten Pilzes in den nächsten Jahren fast alle absterben werden, steht der Spitzahorn für einen waldlichen Hoffnungsschimmer. Seine Schösslinge, die derzeit verstreut im Wald zu finden sind, können anders als derzeit durchaus einmal als bestandsbildend funktionieren. Im Verbund mit Vogelkirsche, Seidelbast ergäbe dies für Waldgänger auf Kalkboden, die ihre Sinne auch jenseits forstlicher Industriewirtschaft pflegen, neue Stimmungslagen. Falls dann noch die Buchen, die zeitlich etwa ihre hellbraunen Knospen mit der Spitzahornblüte ausbilden, den vermehrt auftretenden Trockenperioden standhalten, bekäme der eine oder andere Waldabschnitt, der in diesem Sinne gefördert wird, eine völlig neue Physiognomie. (Andreas Mahler)


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Das Vergnügen Durchlaucht zu sein

Wer derzeit in den Wald hineingeht, um beim coronagerechten Spaziergang Bärlauch zu sammeln, findet manchmal die gewöhnliche Schuppenwurz (Lathraea squamaria) vereinzelt in den knoblauchduftenden Gemüsefeldern. Ihre hellrosa bis leicht violetten Blüten bilden einen feinen Kontrast zur grünen Blattumgebung. Sie wächst bei uns in Auen- oder Schluchtwäldern auf sickerfrischen, nährstoff- und kalkhaltigen Ton- und Lehmböden im Halbschatten. In älteren Bestimmungsbüchern ist sie noch unter der Familie der Scrophulariaceae, der Braunwurzgewächse, eingeordnet. Neuerdings zählt man sie zu der Familie Orobanchaceae, der Sommerwurzgewächse. Aber das sind nomenklatorische Quisquilien. Die Schuppenwurz lebt ohne Blattgrün, kann also kein Sonnenlicht assimilieren. Sie schmarotzt auf Wurzeln von Erlen, Haseln, Buchen und Weiden. Kleine Saugorgane der Wurzeln zapfen den Nährstoffstrom des Wirtes an. Spezielle Wasserdrüsen regeln den Wassertransport und ersetzen so den Transpirationssog, der normalerweise von den grünen Blättern ausgeht. Die Schuppenwurz blüht von März bis April, wenn die Wirtsbäume mit ihrem Wassertransport beginnen. Blühreif wird die Sommerwurz etwa nach 10 Jahren. In ungünstigen Perioden bilden sich die Blüten unterirdisch. Bestäubt wird dann kleistogam, das meint ohne Befruchtung mit Hilfe von dritten. Oberirdisch sind dafür Hummeln und Bienen zuständig. Proterogyne Blüten werden auch durch den Wind bestäubt (Anemophilie). Der deutsche Namen leitet sich von den fleischigen, weißlichen, stärkehaltigen Speicherschuppen am Rhizom ab. Der Gattungsname Lathraea rührt vom altgriechischen „lathraios“ ab, zu deutsch „heimlich“, „verborgen“, und ist auf die unterirdische  Lebensweise der Pflanze gemünzt. „Lathriä“ ist übrigens auch Beiwort der Aphrodite. Die blaßrosa-hellvioletten Blüten, die eben auch im Verborgenen blühen, dürften den gelehrten Namensgeber vielleicht auch diesbezüglich inspiriert haben. Der Bärlauch hat andere Qualitäten. In Zeiten, in denen man Distanz halten muss, darf man ihn ungehemmt genießen. Keiner muß sich ob seines „durchlauchten“ Zustandes genieren. (Andreas Mahler)