Naturkundliche Etüden in loser Folge


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Efeubekränzt-Sein

Johannes Roth hat einmal eine seiner Gartenkolumnen überschrieben mit „Mut zum Efeu“ und dann gefragt, wer Angst vor  Efeu hat: „Besorgte Mütter, sofern sie wissen, daß die blauschwarzen Beeren giftig sind. Überständige Töchter, sofern sie glauben, was die schwarzen Magier und die weisen Frauen sagen: Efeu am Haus sperrt die Freier aus. Kleinmütige Gärtner und Hausbesitzer, die für wahr halten, was als Gerücht umgeht: daß Efeu die Mauern zerstöre und Bäume erwürge. […] Wer muß den Efeu wirklich fürchten? Der Weißbinder, der Gipser, das Malerhandwerk. Denn Efeu schützt und schmückt die Mauer nicht weniger als die kräftigste Dispersionsfarbe, jedoch viel länger.“ Das ist nur die halbe Wahrheit. Fürchten muß die Efeus auch, wer verpflichtet ist, sie zu schneiden. Eine mühsame, mitleiderheischende Arbeit, wenn die Mauer hoch und unzugänglich. Denn Hedera helix kann bis 20 Meter in die Höhe wachsen und spätestens wenn die Dachziegel erreicht sind, muß es gestutzt werden. Fassadenanstrichersatz ist schön & gut, vor allem weil das Efeu Hunderte von Jahren alt werden kann. Warum sich sonst noch der Mühe auf der Leiter aussetzen? 

Wer einmal im Spätsommer, im September, an einer blühenden Efeuwand in der Sonne gesessen ist, weiß warum. Der süße sämige Duft der Doldenblüte. Die unzähligen Insekten, die angelockt werden und sich ausgiebig bedienen bei diesem Spätblütler. All die Honigbienen von den Bienenwirten, die sich für den Winter eindecken oder die durch Efeu dem Herbsthonig die scharfe und angenehme Würze verleihen sollen. All die Hummeln, Wespen, Fliegen und Schwebfliegen. All die Schmetterlinge. Besonders der Admiral. Efeu gibt sich wie Heu für Insekten. Vielleicht daher die begriffliche Anlehnung Ebheu, das sich im im Oberdeutschen noch erhalten hat. Tatsächlich wurden in früheren Zeiten das Efeu an das Vieh verfuttert.

Efeu ist wintergrün. Seine Blätter vielgestaltig. Heterophyllie nennt’s der Botaniker. Die unteren Blätter der nicht blühenden Sprosse aus herzförmigen Grunde, 3- bis 5-eckig gelappt, meist weiß geadert, stark glänzend, sehr derb. Die oberen Blätter der Blütenzweige ei-rautenförmig bis lanzettlich, lang und zugespitzt, ganzrandig, zarter und matter. Eine efeubewachsene, insektenbeflogene Wand ist Schule des Sehens. Nit Lumpenzühg, das weg muß, wie viele meinen zu meinen.

Die Haftwurzeln ist eine Hemmungsbildung. Sie haben die Fähigkeit Nährstoffe aufzunehmen eingebüßt. Deswegen kann der Efeu auch kein Parasit sein. Nur bei schon vorhandenen Rissen in der Wand, kann Schaden durch Einwachsen entstehen. Bei Bäumen schädigt er, wenn diese vollständig überwachsen und des Lichts beraubt werden. Bei der Sprosse tritt Dimorphismus auf. Die Jugendsprosse, die mit der Unterlage verbunden bleibt, klettert nach oben, während die Blütensprosse in die Luft hinaus wächst. Wird sie nicht abgeschnitten, drückt sie die Schwerkraft nach unten.

Aus welcher Quelle Roth das mit den überständigen Töchtern schöpft, ist mir unbekannt & unplausibel. Denn in der griechischen Mythologie ist Efeu neben der Weinrebe  Dionysos heilig, der bekanntlich wie sein Nachfolger Bacchus kein Feind von Lebenslust war. Dionysos und sein Gefolge, Bacchen, Thyiaden, Mänaden, Satyrn und Silenen schmückten sich mit Weinlaub und Efeu. Dionysos trägt manchmal den Beinamen Kisseus, der Efeubekränzte. Das altgriechische Verb kissaoo meint „wonach lüstern sein“ oder „heftig begehren“, aber auch „den heftigen Appetit schwangerer Frauen haben“. Efeu gilt als psychotrope Pflanze – allerdings weiß ich nicht, wer sich daran heute noch versucht. Volksmedizinische Anwendungen sind (oder besser: waren) reichhaltig – bei Fontanellen über Menorrhagie bis zu finnigen Hausschweinen, die durch Efeukranz zudem vor Verzauberung geschützt sind. Circe läßt grüßen. Aber wir hören hier auf, auch wenn Hegi und Beuchert mit ihrem Buch „Symbolik der Pflanzen“ noch viel mehr über Efeu wissen.  (Andreas Mahler, September 2021)


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Kreuzspinne, Weibchen, Bauchseite. Aufnahme vom 15. August 2021, Stühlingen.

Spinne und Spinnen

Spinnentiere sind ja bei einigen menschlichen Zeitgenossen immer noch Anlaß, sich ekelbekundend zu erschrecken. Die »Angst vor Spinnen« ist allerdings unbegründet. Denn es gibt nur wenige (tropische) Arten, deren Biß für den Menschen unangenehm oder gefährlich werden könnte. Und wenn, ist es eher eine Sepsis als das Gift der Spinnentiere, die gefährlich wirkt. Es soll ja etwa 30.000 echte Spinnen oder Webspinnen der Ordnung Araneae geben – wer immer auch die Arten gezählt hat. Die Größe reicht von den 9 cm der Vogelspinnen bis zu den 0,7 mm von Kleinstspinnen, die meist übersehen werden. Eine der bekanntesten Spinnen, die bei uns anzutreffen, ist unsere Kreuzspinne (Araneus diadematus), die zu den Radnetzspinnen zählen. Das Weibchen kann eine Körperlänge von fast 2 cm erreichen, das Männchen ist viel kleiner. Da die Kreuzspinne tagsüber mitten in ihrem Netz auf Beute lauert ist, fällt sie leicht ins Auge, so wie bei mir an der Straßenmauer unter der Waldrebe. Das Weibchen ob seiner Größe eher als das Männchen oder Jungspinnen, die noch nicht geschlechtsreif sind. Imposant ist das Netz, über das ich geglaubt habe, dass es eine anstrengende Arbeit über mehrere Tage erfordert, bis diese Falle verfertigt ist. In Wirklichkeit schafft die Kreuzspinne dies bereits in einer Stunde und erneuert es oft. Auf dem Bild sieht man die Bauchseite des Weibchens. Die charakteristische kreuzartige Punktierung aus der Oberseite ist daher nicht zu sehen. Dieses Weibchen wird den Winter nicht überleben. Im August erfolgt meist die Begattung durch ein umherstreifendes Männchen, das an einen Bewerbungsfaden zupft. Ist unser Weibchen empfängniswillig, erfolgt die Kopulation innerhalb weniger Sekunden. Es kann aber auch sein, daß das Weibchen einfach das Männchen auffrißt. Fragen Sie nicht nach dem Warum. Im Oktober verpackt das Spinnenweibchen ihre Eier in Kokons, gut versteckt. Dann stirbt es. Der Lebenszyklus einer Kreuzspinnengeneration beginnt von neuem.

Auch in der literarischen und kulturellen Erinnerung hat die Spinne lange einen schlechten Ruf gehabt. Ovid erzählt, wie die lydische Weberin Arachne, die in ihrem Gewerbe als die Beste gilt, den Fehler macht, sich mit Athene anzulegen. Sie fordert die Göttin zum Wettstreit, den sie von vorne herein – auch wenn sie besser webte als Athene – nicht gewinnen kann. Denn durch ihr geniales, kunstreiches Weben weckt die Weberin eben nur Athenes Zorn – auch Götter empfinden Neid –, die darauf hin das fertige Gewebe Arachnes zerstört. Diese will sich darauf hin enttäuscht erhängen. Das wiederum verhindert Athene, stützt mitleidvoll die am Strick Hängende und verwandelt Arachne und all ihre Nachkommen in Spinnentiere, denen allein die Webkunst geblieben ist.

Vielleicht rührt daher, daß die Spinne als Allegorie des Neides, des Streites, der Hinterlist und Tücke gilt. Man ist sich „spinnefeind“ oder gewisse Menschen gelten als „giftig wie eine Spinne“. Analog zu „bienenfleißig“ gibt es kein „spinnenfleißig“, vielleicht weil der Mensch vom Spinnenfleiß nicht so direkt profitiert wie vom Bienenfleiß. Ein „Spinner“ entwickelt „Hirngespinste“. Johann Peter Hebel ist dann einer, der die Spinne wiederholt preist, etwa in seinem alemannischen Gedicht „Das Spinnlein“: „Es spinnt und wandlet uf und ab, / potz tausig, im Galopp und Trap! – Jez goht’s ring um, was hesch, was gisch! / Siehsch, wie ne Ringli worden isch! /  Jez schießt es zarti Fäden i; / wird’s öbbe solle gwobe sy?“ Und endet theologisch-sozialdarwinistisch mit einer gefangenen Fliege: „Lueg, ’s Spinnli merkt’s enanderno, / es zuckt und springt und het sie scho. / Es denkt: ‚I ha viel Arbet gha, / jez mueßi au ne Brotis ha!‘ / I sag’s jo, der wo alle git, / wenn’s Zit isch, er vergißt ein nit.“

Der Dichter Hebel und sein Spinnlein dürften im kollektiven Gedächtnis vergessen sein. Die böse, überdimensionale Spinne, die in der Verfilmung des Romans „Der Herr der Ringe“ den Held Frodo durch ihr Gift sediert und in einen Kokon einspinnt, dagegen präsenter sein – wohl ein Erbe des Schauerromans aus dem 18. Jahrhundert. Gegen dieses Erbe gilt es ein paar Ecken in Haus und Garten unaufgeräumt zu lassen. (Andreas Mahler, August 2021)

Rudolf Schenda, Das ABC der Tiere. Märchen. Mythen und Geschichten gibt die Einblicke in die kulturelle Spinnengeschichte.


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Links Aufnahme Juni 2021, Stühlingen. Rechts die Abb. aus August Johann Rösel von Rosenhof, Insecten-Belustigung, Nürnberg 1740–1761

„Wohlgeruch der Brombeere“

Eine etwas barocke Anmerkung über den Nachfalter Thyatira batis

Jetzt Anfang Juni, während die Temperaturen über die 30 Gradmarke kletterten, bemerkte man wieder vermehrt Nachtfalter. Künstliches Licht im Freien ködern viele dieser Insekten – eine kleine Außenbeleuchtung auf der Terrasse reicht da schon. Es müssen nicht die Scheinwerferanlagen auf Tennis- oder Fußballplatz oder die unnötigen nächtlichen Straßenbeleuchtungen sein, die als massenhafte Lichtfalle für Insekten fungieren. Auch ein offenes Fenster taugt des Abends schon, um einen verirrten Nachtfalter anzutreffen. Meistens besteht bei Nachtfaltern das Problem, daß sie für den Laien schwer zu identifizieren sind. Und, um den Philosophen Ludwig Wittgenstein zu variieren: was man dem Namen nach nicht kennt, davon solle man schweigen. Geredet wird hier daher über einen Nachtfalter, den ich in den letzten Jahren des öfteren im Hause angetroffen habe, der weit verbreitet und zudem leicht zu identifizieren ist: den Roseneulen-Spinner, oder einfacher die Roseneule, Thyatira batis, von Linné 1758 zum ersten Mal beschrieben. Linné hatte den Nachtfalter noch Phalaena batis genannt, hergeleitet von „phalos“, von dem Glitzern ihres Fluges, wie bei Nikandros von Kolophon belegt. Die Namensgebung „Thyatira“ ist neueren Datums und sicherlich, nein: vielleicht vom altgriechischen „thuoó“, „ich verbreite Wohlgeruch“ abgeleitet; „batis“ dann der Pseudo-Genitiv von „batos“, die Brombeere, was auf die Raupennahrung verweist. Naturwissenschaftler sind zwar Entomologen, aber keine ganz astreinen Etymologen, weshalb die oft etwas halsbrecherische Namensgebung nicht immer einwandfrei auf die ursprüngliche Absicht zurückzuverfolgen ist. „Wohlgeruch der Brombeere“ ist meine wörtliche Übersetzung des altsprachlichen Mischmaschs und ich bleibe dabei, auch wenn es etymologische Falschstapelei sein mag.  Die offizielle deutsche Namensgebung „Roseneule“ verweist auf den Familiennamen „Eulenspinner“, obwohl die Roseneule eben nix mit Noctuae, den Eulen, zu tun hat. Damit genug von den Benennungen. Wir wollen ja nicht dem Nominalismus, einer der vielen metaphysischen Lichtfallen der Philosophie, verfallen.

Auffällig ist die Roseneule, wenn sie mit den zusammengefalteten Vorderflügeln an einer hellen Wand sitzen bleibt. Die sofort ins Auge fallenden zartrosa Randbänder der in der Mitte bräunlichen Flecken, auf der Oberseite geben der Art (jetzt zum allerletzten Mal & wer sich’s jetzt nicht merken kann, ist selber schuld) den ersten Teil des deutschen Gattungsnamens. Die Flugzeit der Imagines erstreckt sich von Ende April bis September. In wärmeren Gefilden gibt’s zwei Generationen. Vermutungen gehen sogar von dreien aus. Die Eiablage wurde in Baden-Württemberg noch nicht direkt beobachtet, so jedenfalls Eberts Standardwerk über die Schmetterlinge.  Eine erste Raupe wurde im Mai vom klimatisch begünstigten Tuniberg gemeldet. Man kann die Raupen dann den ganzen Sommer über auf Rubus-Blättern sitzend sehen, also vor allem auf Himbeeren und Brombeeren. Falls Sie in ihrem Garten auf Rubusblättern so etwas wie einen Vogelschiss entdecken: es könnte auch die Raupe der Roseneule sein, da sie sich durch Vogelkotmimese (= ich sehe aus wie Scheisse! Vogel! Du brauchst mich nicht zu fressen! Verdirbst dir bloß den Magen!) ausreichend vor Fressfeinden schützt. Wanzen und ähnliches Getier fressen die Raupen trotzdem. In der Jugend sind die Raupen gelblich-grün gefärbt, später wechselt die Färbung nach braun, dunkelbraun oder fast schwarz. Auch Freilandbeobachtungen der Verpuppung sind nicht bekannt. Es gibt also noch Anreize zu Entdeckungen im Garten! Immer schön den Fotoapparat mitnehmen, wenn Sie den Reifegrad der Himbeeren, Brombeeren oder vielleicht auch Johannisbeeren checken. Achten Sie auf zusammengesponnene Blätter. Darin könnte sich gerade eine Verpuppung ereignen, die sonst noch niemand beobachtet hat.

Jenseits des Gartens sind es Laub-, Misch und Nadelwälder, also im Grunde alle Wälder, in denen die Raupennahrungspflanzen vorkommen, die als Lebensraum der Roseneule gelten. Thyatira batis ist geradezu Leitart der Himbeerfluren halbschattiger Böschungen am Waldrand. In die Leier von der Intensivlandwirtschaft, die natürlicherweise alles kannibalisiert, was ihr nicht zu schnödem Kapital gerinnt, ist hier ebenfalls einzustimmen. Die Kenntnisse der Roseneule sind nach Ebert spärlich. Keinerlei Angaben zu den Nektarpflanzen. Man müßte sich des Nachts im Garten bei Vollmond auf die Lauer nach dem saugenden Insekt legen – vermutlich bei den Rubus-Blüten. Meine Roseneule, mein Wohlgeruch der Brombeere, fand sich dieses Jahr im Locus. Immerhin kein schlechtes Zeichen. Oder ist das wieder so eine Lichtfalle des Nominalismus? Aber nein. Diesbezüglich halten ich mich an positive Metaphysik. Davon gibt’s ja auch  reichlich genug. (Andreas Mahler, Juni 2021)

Hübsches Bildmaterial über Ei, Raupenvielfalt und Puppe der Roseneule bringt: http://lepiforum.org/wiki/page/Thyatira_Batis#/image

Die Schmetterlinge Baden-Württembers, Band 4, herausgegeben von Günter Ebert, bringt wie immer die grundsätzlichen Infos.


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1,2: Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica), 3,4: Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera). Erkennen Sie das kleine Vögelchen?

5,6: Spiegel-Ragwurze, die mir nach Lektüre aus dem Archiv von wahrhaftigen Orchideen-Liebhabern zugeschickt wurden.

Blüten schauen dich an!

Eigentlich wollte ich mal über eine Blume schreiben, die gar nichts will, weder schön noch sonst wie auffällig sein, weder giftig noch pflanzenmedizinisch besonders wertvoll oder gar geschmacklich von kulinarischem Interesse – über das Frühlingshungerblümchen zum Beispiel. Ich verschieb’s angesichts der vielen Orchideen, die zur Zeit blühen. Wer wollte bestreiten, daß Orchideen zu den Pflanzen mit den schönsten und eigenartigsten Blüten zählen. Von daher werde ich hier zwei Orchideen, genauer zwei Ophrys-Arten, bildlich vorstellen, die Hummel-Ragwurz, die bei der Wanderung mit Martin Junginger zu sehen war, und die Fliegen-Ragwurz, die auf dem Naturlehrpfad auf dem Lindenberg wächst. Bei beiden ist die Lippe der Blüte auffällig. Sie sieht aus wie die Oberseite eines Insektes. Daher auch die Namensgebung. Aber es geht bei allen Ragwurz-Arten nicht nur um Schönheit, vielmehr ist die Bestäubung ihrer Blüten eines der aufregendsten Kapitel der Blütenökologie. Und noch mehr: anhand solcher Blüten und ihrer Funktionsweise kommt man ins Grübeln über die verschiedenen Evolutionstheorien. Doch der Reihe nach.

Es ist wenig über 100 Jahre her, daß zum ersten Mal überhaupt an einer Ophrys-Art der Fortpflanzungsmechanismus beschrieben wurde. Maurice Pouyanne, Präsident am Appelationsgericht in Algier, hat 1916 [sic!] seine Beobachtungen, die er über 20 Jahre lang aus Liebhaberei an Ophrys speculum, der Spiegel-Ragwurz, gemacht hatte, publiziert. Er hatte herausgefunden, daß die Spiegel-Ophrys von Dolchwespen der Art Trielis ciliata angeflogen werden und zwar ausschließlich von den Männchen dieser Species. Die Männchen schlüpfen etwa einen Monat vor den Weibchen und besuchen Pflanzenblüten mit viel Nektar und Pollen, die sie als Futter verwerten. Sie besuchen aber auch regelmäßig die als Futterpflanze völlig ungeeignete Spiegel-Ophrys, die ohne verwertbaren Pollen und Nektar ausgestattet ist. Dennoch stürzt sich die Dolchwespe gierig auf die Blütenlippe der Spiegel-Ophrys. Warum? Durch Experimente hat Pouyanne herausgefunden, daß es der Duft der Ophrys-Art ist, der die Männchen anlockt. Sie setzen sich längs auf die Lippe, mit dem Kopf geradewegs unter die Klebkörper der Pollenpakete. Die Wespe bewegt das Ende des Hinterleibes gegen die Haare am Rand der Blütenlippe hin und her. Dabei zittert das ganze Tier und bekommt die Pollenpakete zwischen die Augen gesetzt. Die Bewegungen entsprechen denen des Begattungsaktes. Das Männchen verwechselt also die Lippe der Blüte mit dem Körper des Weibchens. Wenn die Erregung abgeklungen ist, reibt sich das Männchen am Kopf, wobei die Pollenpakete etwas herabgebogen werden. Das erleichtert dann ihr Einführen in die Narbengrube beim Besuch der nächsten Blüte. Sind die Dolchwespenweibchen geschlüpft, verlieren die Männchen das Interesse an der Ophrys-Blüte. Spätere Blüten bleiben daher unbestäubt und unbefruchtet. Pech gehabt.

Der Zoologe Bertil Kullenberg hat dann an Ophrys insectifera, der Fliegenragwurz, die von der Grabwespengattung Gorytes bestäubt wird, dieses Wechselspiel weiterverfolgt und seine Ergebnisse in den 1960er Jahren veröffentlicht. Er hat das Drüsengewebe identifiziert, das die Duftstoffe erzeugt. Der Sexuallockstoff des Grabwespenweibchens ist in Duftqualität und chemischer Zusammensetzung ähnlich dem der Fliegen-Ragwurz. Der Duft ist für die Fernwirkung zuständig, für die Nahwirkung muß die Formgröße der Lippe stimmen, darf nicht zu groß, nicht zu klein sein. Bei der Farbe wirken vor allem zwei Signale: die dunkle Färbung der Lippe und der helle Schillerfleck darauf. Die dunkle Färbung der Lippe entsteht durch eine Mischung purpurroter und grüner Farbstoffe und wird durch die samtartige Behaarung verstärkt. Der Schillerfleck ist glatt und metallisch-mattblau, glänzt je nach Lichteinfall anders. Je größer der Farbkontrast, um so anziehender die Wirkung auf das Männchen. Eine analoge Kontrastwirkung erzeugen eben auch die Grabwespenweibchen mit ihren angelegten Flügeln. Die richtige Stellung der Grabwespe auf der Blüte wird zudem fein justiert durch Biegsamkeit und Spannkraft der Behaarung. Auch dieses Muster stimmt bei Grabwespe und Blütenlippe überein.

Die Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica) wird hauptsächlich durch die Bienenart Eucera longicornis befruchtet, der Gartenlaubkäfer (Phyllopertha horticola) beteiligt sich aber auch des öfteren an diesen Pseudo-Kopulationen und verschleppt mehr zufällig, mehr schlecht als recht das Pollenpaket. Die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) besitzt zwar eine ähnlich komplizierte  Blüte, wird aber selten durch ein Insekt fremdbestäubt, sondern befruchtet sich meist selber. Der komplizierte Blütenaufbau ist hier funktionslos geworden. Wer bei der Befruchtung nicht auf das Andere zuverlässig hoffen kann, muß sich halt selber helfen.

War die Literatur über die Ophrys-Blütenökologie bis vor einem halben Jahrhundert noch einigermaßen überschaubar, sind nun die Publikationen darüber in die Höhe geschnellt und kaum mehr rasch zu sichten. Trotzdem sollen hier noch einige Fragen gestellt werden. In den Texten über die Ophrys-Blütenökologie finden sich Ausdrücke wie Täuschungsversuch, Pseudokopulation, Verwechslung oder aphrodisierende Wirkung und so weiter. Da sind sprachliche Metaphern, die über grundsätzliche Fragen der Evolution etwas hinwegtäuschen. Denn das Rätsel bleibt: Ist es reiner Zufall, daß sich durch Selektion diese Blüten analog in Farbe, Form und chemischer Struktur zur Insektenform entwickelt haben? Oder wie sonst kommt diese evolutionäre Kohabitation zwischen Insekt und Pflanze zustande, die manchmal auf eine Insekten- und Pflanzenart beschränkt bleibt? Muß es nicht eine Pflanzen und Tiere umgreifende Sprache auf molekularer Ebene geben, so daß solche „Täuschungsmanöver“ überhaupt zustande kommen? Gibt es dann diese strikte Trennung zwischen Pflanze und Tier überhaupt, an die wir uns so gewöhnt haben? Die Fragen ließen sich leicht mehren. Aber dann kommen wir nur zu noch rätselhafteren Eksistenzfragen in der Lichtung des Seins. Hören wir lieber mit ein bißchen lustvoller Praxis auf. Nehmen wir uns doch einmal vor, auf die Grabwespe oder auf Eucera longicornis zu warten, voyeuristisch dem Sex, den Zuckungen des verführten Insektes zuzukucken, die Nase dann ganz nahe an dem betörenden Duft der Ophrys. Soll in Richtung Lindenblütentee gehen. Das Insekt läßt sich nach Forschungs-Erfahrung im Akt zwar täuschen, aber in seiner Verzückung nicht stören. Oder verfolgen wir mal bei Gelegenheit die Selbst-Pollution von Ophrys apifera, so wir nur Geduld haben und nicht verlockt von so viel glänzend-samtener Schönheit selbst Hand anlegen. Und ach ja, fast hätte ich es vergessen: der Schriftsteller und Schmetterlingsspezialist Vladimir Nabokov hat diese oben skizzierten biologistischen und evolutionären Erklärungsversuche einfach weggewischt und behauptet: Blüten und Insekten haben so schöne und so prächtige Formen nur deshalb entwickelt, allein um eines Tages den Menschen damit zu erfreuen. (Andreas Mahler, 31. Mai 2021)

Literatur: Andreas Bertsch, Blüten – lockende Signale, Ravensburg 1975


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Bild 1: Zitronenfalter beim Sonnenbad. Die Flügel sind dabei gefaltet, daher die Wendung "seitlicher Absorptionssonner". Die Flügelflächen stehen senkrecht zur Sonne. (21. Feb. 2021, unweit Stühlinger Hütte)

Bild 2: Zitronenfalterloser Fernblick aus dem ausgeweideten Mutterland zwischen Weizen und Lausheim. (selbiger Tag)

Der Sommer im Winter

Der Zitronenfalter gilt noch vielen Menschen als Allerweltsfalter, dem oft keine große Beachtung geschenkt wird, obwohl Insekt des Jahres 2002. Jetzt, da im allgemeinen die Schmetterlingshabitate immer mehr schrumpfen, wird jede Art zur Besonderheit – mir jedenfalls. Umso mehr, wenn sich ein Schmetterlingswesen bereits in den Wintermonaten sehen läßt. Und Gonepteryx rhamni, so der lateinische Artname, ist mithin in seinem Zitronengelb (nur die Männchen sind intensiv zitronengelb, die Weibchen blaß grünlich-weiß gefärbt) mit den vier orangenen Flügelpünktchen auffälligster Bote, der den Frühling ankündigt. Oder vielmehr: der Zitronenfalter ist schon ein Stück stillgestellter Sommer, das im Winter von heute auf morgen erscheinen kann. Je älter ein Mensch wird, desto mehr wird er dieses Stück Sommergelb im Winter schätzen lernen. Der frühe Flug rührt daher, dass der Falter in Kältestarre überwintert. Er vermag durch Senkung des Gefrierpunktes der Körperflüssigkeit bis Minus 20 Grad zu überleben. Efeubekronte Mauern dienen gern als Überwinterungsversteck. Sobald die Temperaturen steigen, kann er sofort losfliegen. So geschehen am 21. Februar 2021, ein Tag, der an manchen Stellen sommerliche Temperaturen brachte, nicht lange nach den zweistelligen Minusgrad-Tagen. Fliegende Falter sind von November bis Ende Februar äußerst selten, heißt es in dem Tagfalter-Band der Schmetterlinge Baden-Württembergs aus den 1990er Jahren. Manche verharren sogar in der Winterstarre bis Juni. 

An diesem zweitletzten Februarsonntag jedenfalls ist die Abbruch-Halde von Weizen Bahnhof Richtung Stühlinger Hütte morgens schon von der Sonne erwärmt. Kaum im lichten, laubfreien Wald schaukelt das Schmetterlingsgelb um den Wanderer und bleibt auch in der Nähe des Wanderweges, fliegt mit, als ob er Geselligkeit sucht.

Ab April legt die Falterin ihre Eier ab an den sprießenden Blätter von Faulbaum und Kreuzdorn (Rhamnus, daher der Beiname). Es lohne sich daher, schon einen von diesen zwei Straucharten in seinem Garten zu pflanzen, heißt es. Das ist doch eine Vorgabe. Und wenn genügend Efeu in der Nähe, ist das Zitronenfaltererlebnis fast schon gesichert.

Quert man von der Stühlinger Hütte kommend die Hochebene zwischen Lausheim und Weizen, um die Wanderrunde abzuschließen, wird es für einige Zeit mit Bestimmtheit Zitronenfalterlos, das heißt trostlos. In diesem flurbereinigten Areal, wo keinerlei Heckensäume irgendwelchen Insekten Schutz und Nahrung bieten, gerät derjenige, der noch ein substanzielles Gemüt (im Sinne von Immanuel Kant) zu eigen hat, in ein tristes feeling. Nicht einmal die eindrucksvolle bläulich-weißliche Horizontlinie der Alpenkette, die sonst zu Rêverien reizt, und hier bei geeigneter Wetterlage zu schauen ist, verhilft aus düngegrüner Gemengelage, die erst durch Teerränder zum Stoppen gezwungen wird.  Wo der Allerwelts-Zitronenfalter fehlt, ist das Welt-Gefüge nicht mehr stimmig. Au do im Kleinä zwischen Wizzä und Lusä isches so. (Andreas Mahler)


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Die verpasste Ernte

Dieses Jahr hing der Apfelbaum mit der Sorte Elstar brechend voll. Ich kam nicht nach mit der Ernte. Die schönsten Exemplare hingen weit oben und waren nur mit Leiter zu brechen. Die Baumleiter stand denn irgendwann auch – aber die endgültige Pflückarbeit wurde immer wieder verschoben. Die Bodenlese bot genug. Regenwasser, dass sich in der Kuhle am Stil der einzelnen Früchte sammelte, fror schon ab und an zu Eis. Zu Apfelmus ließen sich die so gekühlten Exemplare indes allemal noch verarbeiten. Am 11. Januar fing es dann kontinuierlich an zu schneien. Die Erde überzog sich sukzessive mit Schnee, der liegenblieb und sich höher schichtete. Freitag morgen schaute ich vom Fenster aus in den Garten und bemerkte eine Schar Amseln, die in der Baumkrone saß. Ich fing an zu zählen und hörte irgendwann zwischen 30 und 40 auf. Einige Vögel waren bereits weggescheucht, reagierten auf das bloße Fensteröffnen sensibel. Die hängengebliebenen Elstar waren begehrtes Nahrungsmittel geworden. Einige Meisen mischten sich unter die schwarzen Vögel. Als ich samstags wieder auf die Baumkrone lugte, war er früchtekahl. Und es hatten nicht wenige Äpfel in der Baumkrone gehangen. Die Vögel haben inzwischen alles weggeputzt. Hermes hätte sein Freude daran gehabt. (Andreas Mahler)


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Über die Schwierigkeiten mit dem Umgang von Pilzbestimmungsbüchern

Wenn’s um’s Pilzesammeln geht, ist es ja fast eine stehende Redewendung geworden, dass an jedem Waldeinfahrtsweg im Schwarzwald ein Auto mit Schweizer Kennzeichen rumlümmelt, deren Insassen systematisch Phifis und Steinis absammeln. Nun liegt ja Stühlingen auch im Schwarzwald, wenn auch hart an dessen Grenze. Aber wir befinden uns hier schon auf Kalkgebiet, wie zum größten Teil unsere Schweizer Nachbarn auch. Was also, wenn man sich nicht dauernd auf Pfifferlinge und Steinpilze kaprizieren will, die meist erst jenseits des Steinatals in größeren Mengen zu finden sind? Man sucht eben nach Pilzen, die vor der Haustür auf Kalk wachsen. So man nicht von einem Pilzspezialisten eingeführt wird, verlangt dies nähere Beschäftigung mit Pilzbestimmungsbüchern. Das Internet hilft meist erst weiter, wenn die Pilze schon bestimmt sind. Und das kann verwirrend sein. Zum Beispiel: jetzt Anfang November trifft man bei Waldgängen, ohne die Wege zu verlassen, oft auf zwei Pilzarten in hexenringförmigen Ansammlungen: auf den Violetten Rötelritterling und die Nebelkappe. Zum ersteren: Lepistuda nuda.

Im meinem neusten Pilzbuch, Bons Kosmos Naturführer, 2012 auf deutsch erschienen, heißt es vom Hut: »anfangs schön lilablau, im Alter von der Mitte her rotbräunlich oder ockerbräunlich ausblassend«. Auch die Lamellen »erst lila, dann mehr fleischbräunlich«.  Schon blöd, wenn ein Pilz die Farbe wechselt. In der Abbildung bei Bon ist er farblich etwa dazwischen – bräunlich-lila – getroffen, falls der chinesische Druck nicht täuscht. Außerdem beruht das Bestimmungsbuch wahrscheinlich auf großbritannisches Anschaungsmaterial. Schaue die Abbildung in Roger Phillips Kosmos Bildatlas nach, deutsch in der 2. Auflage 1990 erschienen und in Italien gedruckt. Hier ist der Hut eher rehbraun, die Lamellen noch violett, der axiale Schnitt sieht so aus wie bei meinen Exemplaren: violett bis zur Hutunterseite. Nur die jungen Pilze schmecken. Aber meine Hüte sind doch schon bräunlich? Habe ich also alte Exemplare? Und daher nicht essen? Besitze noch ein Pilzbuch von Philipps, bei Knaur erschienen, auch schon 3 Jahrzehnte alt. Die Photos ähneln dem im Pilzatlas. »Gut gekocht, schmeckt der Rötelritterling köstlich.« Roh ist er giftig, kann ich nur ergänzen. Die Farbzeichnung in Haas/Gossner, Die Pilze Mitteleuropas von 1976 bringt auch keine neue Erkenntnis. Das Photo bei Ewald Gerhardt in seinem BLV Intensivführer Pilze Band 1 dafür wieder ganz verschieden. Gedruckt 1984 in Deutschland. Ziemlich bräunlicher Hut. Dafür ist die farbige Abbildung bei Julius Peters Kleiner Pilzkunde von 1960 ganz in dunkelviolett eingetaucht. Bloß sich nicht auf diese Abbildungen verlassen. Oder doch! Denn Robert Hofrichter hat in seinem Buch Das Geheimnisvolle Leben der Pilze von 2017 als Photo auch diese Variante mit ganz violettem Habitus. Er schreibt: »Auch der wunderschön gefärbte Violette Rötelritterling kann bis tief in den Winter hinein wachsen [weil er nämlich Anti-Frost-Proteine besitzt]. Seine Farbe verleitet dazu, ihn als Rotkohlersatz roh in  Salate zu schneiden. Das sollte man aber auf keinen Fall tun: Roh ist der Pilz, wie sehr viele andere Speisepilze auch, giftig. Aber seine Toxine sind thermolabil und zerfallen bei einer Wärmebehandlung. Vorgekocht und abgekühlt darf  er also einen bunten Akzent in der Salatschüssel setzen.«

Wie steht’s mit der Geruchsbeschreibung: bei Bon: einerseits »schwach obstartig«, andererseits »unangenehm nach Vitamin B oder Mehl«. Wie riecht nochmal Vitamin B? Bei Gerhardt: »angenehm würzig«. Philipps in seinem Atlas: »deutlich aromatisch«. Haas/Gossner: »Der Geruch muß als eigenartig süßlich und nicht besonders angenehm bezeichnet werden«. Bei Peter: »Angenehm rettichartig«. Eine eindeutige Geschmacksbestimmung liest sich anders. Jetzt, während ich dies schreibe, bin ich auf der Suche nach dem verlorenen Geruch. Meine Exemplare liegen noch herum, schrumpelig eingetrocknet. Riechen eher nach getragenen Wandersocken. — Sie sehen, was ein erfahrener Pilzexperte wert ist, der einem im Wald zur Seite steht. Auf ein Pilzbestimmungsbuch ist bei manchen Pilzen, die sich in ihrem Farbhabitus verändern, ohne sonst ein markantes Bestimmungsmerkmal zu haben, schwerlich Verlaß. Denn die Bandbreite der Farbvarianten sind selten in einem Pilzbestimmungsbuch zu finden. Was tun? Probieren geht über Studieren? Nein, nicht bei Pilzen! Oder doch wieder ins Auto steigen und gen Westen zu den Pfifferlingen und Steinpilzen zurück? Jetzt ist es zu spät. Aber der Violette Rötelritterling wächst  weit in einen milden Winter hinein. Der nächste Waldgang kommt bestimmt. (Andreas Mahler)


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Der Makel der Landsberger Renette

Immer, immer sich um den Garten kümmern. Zum Beispiel um die drei Apfelbäume, dich ich vor Jahren gepflanzt habe. War es ein Fehler, die Sorte Landsberger Renette zu pflanzen? Wie kam ich überhaupt darauf, diesen Apfel auszusuchen? Weil der Halbstamm-Schössling zufällig bei der örtlichen Baumschule zu haben war? Ich weiß es nicht mehr. 

Antiquarisch habe ich dann später „Die Farbtafeln der Apfelsorten“ erstanden, im Verlag Eugen Ulmer 1958 publiziert.  Darin wird die Landsberger Renette so charakterisiert: mittelgroß bis groß, stielbauchig, kelchwärts sich stark verjüngend. Die Fruchtschale fein, druckempfindlich, zunächst hellgrün, später hellgelb und sonnenseits leicht verwaschen gerötet, mit bräunlicher Punktierung. Das Fruchtfleisch gelblichweiß bis grünlichweiß, locker, saftig, erfrischend, jedoch leicht gewürzt, mild. Hört sich doch gut an. 

Bei den Eigenschaften und Ansprüche heißt es: ziemlich stark wachsend, sich reichlich verzweigend. die bräunlichgrüne Farbe der Rinde am jüngeren Holz und das große gewellte Blatt sind sichere Erkennungszeichen der Sorte. „Genügsam hinsichtlich der Klimaverhältnisse“ ist heute sicherlich anders erklärungsbedürftig als vor über 50 Jahren. Früh mit dem Ertrag einsetzend, fruchtet reich und regelmäßig. Guter Pollenspender. Also alles richtig gemacht?  

Unter der Rubrik Anbauwert dann: für Selbstversorgerobstbau zu empfehlen. Aber: Kann keine Hauptsorte für den Erwerbsanbau sein, da die Genußreife (November bis Anfang Februar) nicht günstig liegt und die Versandfähigkeit infolge der Druckempfindlichkeit nur gering ist. Außerdem gibt die Sorte bei einem reichen Behang einen zu großen Anteil grüner unscheinbarer, grasig schmeckender Früchte. Mehrmaliges Auspflücken ist nötig. Dazu Schorf-, krebs-, blutlaus- und in warmen Lagen mehltauanfällig. Ho! Hm! also doch ein Fehlgriff.

Dazu kommen als Mitesser die Raupen des Apfelwicklers (Cydia pomonella), bei deren Dezimierung ich mich ganz auf die natürlichen Feinde wie Schlupfwespen und Ohrwürmer verlasse. Und dann natürlich die vielen faulen Äpfel am Baum selber. Das liegt an der empfindlichen Fruchtschale der Renette. Ist die nämlich nur klitzeleicht verletzt, ist das ein Einfallstor für den Pilz Monilia, der die Frucht zum Faulen bringt. Konzentrische Kreise mit Pusteln weisen auf Monilia fructigena hin. Ich sollte die faulen Früchten nicht auf dem nahe gelegenen Komposthaufen werfen, da sich da die Sporen leicht wieder vermehren können und zum Baum zurückkehren. Woz habe ich eine braune Tonne?

Sei’s drum. Die Landsberger Renette wird ob ihrer Empfindlichkeit in keinem Supermarkt zu finden sein. Die fotografierten Exemplare sehen aus wie beschrieben und gemalt im Apfelsortenbuch. Und ich finde die Sorte schön – gerade weil sie nicht makellos rein daherkommt. Keine Schönheit ohne Makel sowieso. Paris hätte sicherlich nicht verschmäht, die Landsberger Renette mit ihrem verwaschenen Sonnenrot als Ersatz für den Goldenen Apfel zu verwenden. Was soll ich also mit meinen beiden Muster-Exemplaren tun. Aufessen im saftigen Zwischenkolorit von grünlichweiß und gelblichweiß? Oder warten bis Ende Januar und probieren, ob bzw. wie genußreif sie da noch sind? Auf jeden Fall keinen Zankapfel draus machen! (Andreas Mahler)


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Aufnahmen Stühlinger Schloßberg, Sommer 2020

Der Schweiß, der Eisvogel und die Einheit der Welt

Es gibt einen Kleinen Eisvogel, einen Großen Eisvogel und einen Blauschwarzen Eisvogel. Gemeint sind nicht Varietäten des Vogels Alcedo, der Eisvogel, der bei uns an der Wutach lebt, sondern drei Schmetterlinge aus der Gattung der Nymphalidae. Ob da der kleine oder große oder der blauschwarze fliegt, ist für den Laien schwer zu unterscheiden. Der Große Eisvogel läßt sich vielleicht am leichtesten ausmustern, da er nicht die charakteristische eine weiße Binde auf der Oberseite der Flügel trägt. Diese hat dafür auch der Schwarze Trauerfalter. Sitzt ein solch gemusterter Schmetterling auf einem Feldweg und saugt Feuchtigkeit, ist das vielleicht die beste Gelegenheit ihn zu bestimmen, denn er faltet dabei manchmal seine Flügel und so wird seine Unterseite sichtbar. Nun wird es mit Hilfe meines Schmetterling-Bestimmungsbuches von Higgins/Riley, das ich mir auf Empfehlung von Vladimir Nabokov antiquarisch für ein Zwei-Café-Tassen-Geld erstanden habe, klar: der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) ist ohne Postdiskalpunkte auf der Unterseite seines Hinterflügels, der blauschwarze Eisvogel (Limenitis reducta) hat nur eine Reihe solcher Punkte und der Kleine Eisvogel (Limenitis camilla) ist mit zwei Reihen geschmückt. Männchen und Weibchen sehen morphologisch, also von ihrer sichtbaren Form und Farbgebung, gleich aus. Auf unserem Bild ist daher der Kleine Eisvogel zu sehen – Der griechische Artname Limenitis heißt übersetzt „dem Hafen zugehörig“ und war in der Antike häufig Beiname einer Schutzgöttin oder Schutzgottes – dann halt Limenitēs – und der Namensgeber Linné dürfte daran gedacht haben, dass der Schmetterling bevorzugt in feuchten Wäldern zu finden ist – Schutzgötter führen wir heute ja nicht mehr in unserem geistigen Repertoire. Mit dem Beinamen Camilla, die ehrbar geborene, schlicht nach einem Frauenvornamen benannt. 

Camilla fliegt in einer Generation von Juni bis August, an günstigten Stellen entwickelt sich eine unvollständige zweite Generation. In Europa kommt die Art bis Südengland und Südschweden vor. Sie fehlt auf der Iberischen Halbinsel und in Süditalien, in Griechenland und auf den Mittelmeerinseln. Camilla lebt besonders an Stellen, wo die Futterpflanze der Raupe vorkommt. Diese lebt von Lonicera-Arten, von Wald-Geissblatt und roter Heckenkirsche. 

Unsere Camilla habe ich im Zankföhrle angetroffen, während sie auf dem Feldweg Feuchtigkeit aufsaugte. Sie ließ sich kaum stören. Und sie hat eine Besonderheit. Ihre Flügeloberseite geht mehr ins Schwärzliche als ins Bläulich-Bräunliche, was sonst üblich ist beim Kleinen Eisvogel. Auffallend auch der etwas blaßere rechte Hinterflügel. In der Literatur ist von melaninen Aberrationen der Art die Rede. Das trifft wahrscheinlich auch auf die Abgebildete zu. Das Exemplar wäre sicherlich ein Fall für die wissenschaftliche Genetik. Ich scheuche es auf Nimmerwiedersehn vom Weg, denn ich bemerke tapsige Spaziererinnen mit Hund anwedeln.

Die grüne dornenbewehrte Raupe spinnt sich aus dem Blatt ihrer Futterpflanze ein Hibernarium oder Hibernaculum, ein Winterlager. Im 3. Larvenstadium fängt die Raupe an, das Blatt auf beiden Seiten bis zur Mittelrippe einzuschneiden, trennt den oberen Teil ab und umspinnt den Blattstil mit dem Zweig. Auf der Rippe liegend, nimmt die Raupe mit ihrer Länge maß und rollt sich dann ein und verspinnt die Seiten. Die Raupe verkleinert sich durch Entwässerung, um sich vor Frostschäden zu bewahren. »Winterlager« mit diesem Begriff assoziere ich so etwas wie Dreißigjähriger Krieg, Hibernaculum klingt verheißungsvoller: wie Tabernakel, nach zart-wohligem, festen, heiligenSchlaf. Ich werde es suchen gehen.

Die Gemarkung Zankföhrle gehört zu meiner wöchentlichen Laufstrecke, und bei meiner Laufrunde habe ich die Camillas zuerst entdeckt. Einmal habe ich ein Stück Käse, ein Allerwelt-Rustique aus dem Supermarkt, eingesteckt, der als Lockstoff gelten soll, unterbrach mein Jogging und blieb stehen. Nach wenigen Minuten flog mich prompt eine Camilla an, die sonst in ihrem chaotischen Fluge kaum mit den Augen zu fassen ist. Ich blieb verwurzelt wie eine Pflanze und bot den salzigen Schweiß zum Saugen. Gibt es ein prickelnderes Erlebnis? Gehen hier nicht Wunsch-Träume in Erfüllung? Wird hier nicht Eingebildetes real? Sublimität, Erhabenheit & Einheits-Begehren – Ereignet es sich nicht hier? Und nur der Schweiß als kostenloses Zahlungsmittel, um solche Einheit mit der Welt zu spüren. (Andreas Mahler)


4

Eine Aschgraue Sandbiene für den Giersch.

Den meisten Gartenbesitzern ist der Gewöhnliche Giersch ein Ärgernis. Nicht willkommen breitet er sich durch seine unterirdischen Triebe im Garten aus und hat den Ruf eines auszurottenden Unkrautes. Wer ihm Herr werden will, hat allerdings schlechte Karten. Denn die Pflanze soll auf die handelsüblichen Herbizide gar nicht reagieren. Nicht mal Glyphosat soll das Aegopodium, der Ziegenfuß, vernichten. Und Aushacken reizt ihn eher zu Triebvermehrung. Zwei Jahre mit einer Plane überdecken, soll der Pflanze den Garaus machen Aber muß das sein? Was sonst tun?

Zumindest sich nicht ärgern. Denn Aegopodium podagraria, so der komplette lateinische Artname, hat seine Vorzüge. Während die Blattgestalt eben den Namensgeber an einen Geissfuß erinnert hat, verweist das Beiwort auf die schmerzlindernde Wirkung bei Gicht (Podagra) und Rheumatismus. Zumindest in der Volksmedizin vergangener Jahrhunderte. Junge Blätter eignen sich vorzüglich als wohlschmeckende Rohkost – nicht nur für Kaninchen. Petersilie- und Mangogeschmack werden den Blättern nachgesagt. Ich werd’s nochmal nachschmecken. Ältere Blätter geben als Wildgemüse ein spinatähnliches Mahl ab. In Kriegs- und Krisenzeiten war (und ist?) der Giersch ein unverwüstlicher Vitaminlieferant durchs ganze Jahr, der kaum standörtliche Ansprüche stellt und ob seines dreieckigen Stengels auch kaum zu verwechseln ist. Bequemstes Gemüseziehen also.

Ich lasse in stehen und wachsen nicht nur als stille Reserve, sondern vornehmlich aus Anschauungsgründen – wegen seiner schönen Doldenblüten, die ab Mai / Juni vor allem Wildbienen oder auch Schwebfliegen zu Hauf anlocken. Der Giersch ist ein Schule des Sehens. (Eine Kunstkennerin bekundete mir, dass der Garten von Monet voller Giersch gewesen sei.) Die Blüte ist unscheinbar, aber blütenrein weiß. Man muß schon nahe ran, um die Einzelblüte zu goutieren, die für mich schöner und reizvoller als manche fette Zuchtblume. Auch die kümmelähnliche Spaltfrucht macht sich später ganz gut doldig unter blauem Frühspätsommerhimmel aus.

Auf dem Bild ist wahrscheinlich die Aschgraue Sandbiene, Andrena cineraria, zu sehen, die sich am Giersch labt. Ich bin allerdings kein Wildbienenspezialist und kann mich täuschen. Aber ganz falsch liege ich sicherlich nicht. Der aschgraue Flaum ist doch gut zu erkennen. Unsere Andrena ist ein Allrounder, besucht aber ganz gerne Doldenblütler wie meinen Giersch. Die Art fliegt in einer Generation pro Jahr von März bis Ende Mai. Jetzt, im Juni, da ich diesen Text schreibe, dürfte sie verschwunden sein, die Nachkommen wohlverwahrt in unberührter, unbeackerter Erde. Andrena cineraria brütet in Erdnester, die sie 10 bis 25 cm eingraben, mit vielleicht zwei Brutkammern. Diesbezüglich sind sie wenig anspruchsvoll. Sie vermehren sich dort, wo sich die Gelegenheit bietet. Haben auch keine specielle Nektarquelle. Eine Allerweltswildbiene also, wenn man so will. Ach, kennte doch jeder Schüler nicht nur den Pythagoras sondern nur eine solche Wildbienenart dem Namen nach. Nicht auswendig, sondern inwendig. Es gäbe eine Auswahl von zirka 500 Bezeichnungen. In der Wutachschlucht soll’s alleine 170 verschiedene Arten geben. Käme dann noch ein wenig ästhetische Unkrautpflege à la Giersch dazu: die Welt wäre verträglicher und nicht nur rechtwinklig triebgesteuert. (Andreas Mahler)


3

Anläßlich einiger Bläulinge am Buchberg bei Blumberg

Für den Wanderer ist Scheiße – Pardon: ein Kothäuflein – auf einem Feldweg manchmal doch von Vorteil. Führt er nämlich an Wiesen vorbei, die nicht überdüngt sind und zudem Kleearten aufweisen, kann es sein, dass die Männchen des Hauhechelbläulings auf liegengebliebenem Kot Feuchtigkeit und Nährstoffe aufsaugen. Die männlichen Falter sind kaum zu übersehen, treten sie doch in Gruppen auf und lassen sich auch so schnell nicht verscheuchen. Bläulinge zeichnen sich oft durch Dimorphismus aus, d. h. die Weibchen haben eine andere Flügelzeichnung – bei unserer Art eben nicht die  charakteristische, durchgehend blaue Schuppenfärbung der Oberseite, und die Falterin lebt auch versteckter.

Der Hauhechelbläuling wird manchmal auch als „Gemeiner Bläuling“ bezeichnet. Lateinisch heißt er Polyommatus icarus – „vieläugiger Ikarus“. Die beiden deutschen Namen sind nicht ganz glücklich gewählt. Zum einen dient der Hauhechel (Ononis espinosa) nur gelegentlich zur Eiablage des Falters und als „gemein“, also im Sinne von überall anzutreffen, kann der Schmetterling Anfang des 21. Jahrhunderts nun ganz und gar nicht mehr bezeichnet werden. In flurbereinigten Arealen mit intensiver Landwirtschaft fehlt er meist ganz oder ist selten anzutreffen. In heißen Frühlingen fliegt die erste Generation dieses Bläulings bereits Anfang Mai, so wie dieses Jahr. Ich habe den Falter am 3. Mai am Südabhang des Buchbergs bei Blumberg angetroffen (unbedingt empfehlenswerte Wanderung Fützen, Buchberg, Epfenhofen & retour auf verschiedenen Varianten). Der Schmetterling lebt in blumenreichen, also nicht überdüngten Glatthaferwiesen und in herbizidfreien Feld- und Wiesenrainen, versaumten Magerrasen usw. und kann sogar innerhalb von Ortschaften vorkommen. Die Eiablage ist in nicht zu gepflegten Gärten beobachtet worden. Ob die Larvalentwicklung hier abgeschlossen werden kann, entscheidet der nächste Einsatztermin des Rasenmähers, wie es in Bd. 2 von „Die Schmetterlinge Baden-Württembergs“ heißt. 

Noch einige ökologische Details könnten hier ausgebreitet werden. Erinnert sei stattdessen einmal an den Schriftsteller Vladimir Nabokov, da er Spezialist für Bläulinge war und deren Systematik durch seine Forschungen entscheidend vorantrieb. Ab dem Jahre 1943 führte er als Emigrant für 5 Jahre ein Dreifachleben als Lepidopterologe, als Schriftsteller und als Lehrer für Literatur und Russisch. Am Museum für Vergleichende Zoologie in New York arbeitete er zuerst unentgeltlich, später bekam er ein bescheidenes Forschungsstipendium. DNA-Analysen konnten damals noch nicht durchgeführt werden. Die Abgrenzungen der einzelnen Arten erfolgten durch morphologische Unterscheidungen. Ein wesentliches Kriterium bei Bläulingen liegt in der Form der männlichen Geschlechtsteile, deren Unterschiede auch die Artzugehörigkeit klassifiziert. Nabokov hat sie akribisch unterm Mikroskop untersucht und damit die evolutionäre Systematik der Bläulinge modifiziert. Von seinen wissenschaftlichen Zeichnungen, für die er Karteikarten benutzte, sind über 1000 erhalten. Sie habe eine ganz eigene Ästhetik. Auch das typische Geschlechtsteil unseres gemeinen Bläulings vom Buchberg hat er gezeichnet und schattiert. Abgebildet ist hier indes das Teil von Polyommatus argyrognomon wegen seiner farbigen Reproduktion. Nabokov war stets an lokalen Unterarten der Schmetterlinge interessiert. Gefunden habe ich eine Skizze Nabokovs mit einer Eingrenzung von Baden. Wer wird mir verdenken, daß ich den letzten Punkt der südöstlichen Grenzlinie natürlich als Stühlingen identifiziere, das er passiert hat, als er in den1920er Jahren von Waldshut nach Konstanz gefahren ist. In seinen schriftstellerischen Werken (Erzählungen, Romane, Essays) hat Dieter E. Zimmer, Herausgeber der Gesamtausgabe und sein Übersetzer, etwa 700 Referenzen ausfindig gemacht, die mit Lepidoptera und Lepidopterologen zu tun haben. Schmetterlinge stehen in den poetischen Werken Nabokovs oft als  Symbol für die Grenze des Wissbaren, die er erweitern wollte.

„Ein Dutzend kleiner Schmetterlinge, alle von einer Sorte, hatten sich auf dem feuchten Kotfleck niedergelassen, die Flügel aufrecht und geschlossen, so daß ihre bleichen Unterseiten mit dunklen Punkten und winzigen, orangengesäumten Pfauenflecken entlang der hinteren Flügelränder zu sehen waren; ich störte einige von ihnen, so daß sie die Himmelfarbe ihrer Oberseiten zeigten und wie blaue Schneeflocken umherstöberten, bis sie sich von neuem niederließen.“ Buchberg- oder Romanerlebnis? –  gleich gültig.

Wer ein neueres Buch über Schmetterlinge lesen will, greife zu Anita Albus, „Sonnenfalter und Mondmotten“. Hier wird naturkundliches Wissen und historische Bildung mit dem genauen Blick der Künstlerin verknüpft. Einzelne Schmetterlinge sind hier nicht photographisch, sondern gemalt durch Albus dargestellt. Auch darin unterscheidet sich die Ausgabe von den gängigen Photo-Sachbüchern. Wer „Sonnenfalter und Mondmotten“ gelesen oder auch nur kursorisch in „Die Schmetterlinge Baden-Württembergs“ geblättert hat, kann sich der Einsicht nicht erwehren, dass wir mit unserer Art des Wirtschaftens zwar einen Konsum-Wohlstand geschaffen, gleichzeitig einen unerhört schönen, evolutionär unersetzlichen Lepidoptera-Wohlstand verkannt und im wörtlichen Sinne abgeschafft haben. (Andreas Mahler)


2

Der Spitz-Ahorn als Hoffnungsschimmer im Wald

Die Wälder rund um Stühlingen zeigen erste Blütenfarbtupfer. Etwa das Vogelkirschen-Weiß und das Schlehen-Weiß. Letzteres fast schon verweht. Unübersehbar aber auch die hellgrüngelblichen Kronenbilder, gemalt von den Blütenständen des Spitzahorns, Acer platanoides, in den Waldhängen. Seine Blüten treiben zeitlich vor den zartgrünen Blättern aus. Die  Knospenschuppen stehen noch.  Der satte Farbeindruck entsteht durch die traubigen Blütenstände, die in ihrer Gesamtheit gemütshebende Stimmung hervorrufen. Die meisten anderen Bäume sind ja noch kahl. Die forstwirtschaftlich Bedeutung des Spitzahorns gegenüber dem Bergahorn war bis jetzt geringer. Letzterer wird älter und größer. Ob seines Frühjahrsschmuckes wurde der Spitzahorn oft in Parks angepflanzt. Es gibt dort Varietäten mit rotbraunen Blättern. Der eine oder andere Privatwaldbesitzer freut sich nicht nur über die zeitige grüngelbe Blütenpracht in seinem Bestand. Da die meisten Fichten wegen Käferbefall eingegangen sind und die in unserer Gegend nicht eben seltenen Eschen ob des von Asien eingeschleppten Pilzes in den nächsten Jahren fast alle absterben werden, steht der Spitzahorn für einen waldlichen Hoffnungsschimmer. Seine Schösslinge, die derzeit verstreut im Wald zu finden sind, können anders als derzeit durchaus einmal als bestandsbildend funktionieren. Im Verbund mit Vogelkirsche, Seidelbast ergäbe dies für Waldgänger auf Kalkboden, die ihre Sinne auch jenseits forstlicher Industriewirtschaft pflegen, neue Stimmungslagen. Falls dann noch die Buchen, die zeitlich etwa ihre hellbraunen Knospen mit der Spitzahornblüte ausbilden, den vermehrt auftretenden Trockenperioden standhalten, bekäme der eine oder andere Waldabschnitt, der in diesem Sinne gefördert wird, eine völlig neue Physiognomie. (Andreas Mahler)


1

Das Vergnügen Durchlaucht zu sein

Wer derzeit in den Wald hineingeht, um beim coronagerechten Spaziergang Bärlauch zu sammeln, findet manchmal die gewöhnliche Schuppenwurz (Lathraea squamaria) vereinzelt in den knoblauchduftenden Gemüsefeldern. Ihre hellrosa bis leicht violetten Blüten bilden einen feinen Kontrast zur grünen Blattumgebung. Sie wächst bei uns in Auen- oder Schluchtwäldern auf sickerfrischen, nährstoff- und kalkhaltigen Ton- und Lehmböden im Halbschatten. In älteren Bestimmungsbüchern ist sie noch unter der Familie der Scrophulariaceae, der Braunwurzgewächse, eingeordnet. Neuerdings zählt man sie zu der Familie Orobanchaceae, der Sommerwurzgewächse. Aber das sind nomenklatorische Quisquilien. Die Schuppenwurz lebt ohne Blattgrün, kann also kein Sonnenlicht assimilieren. Sie schmarotzt auf Wurzeln von Erlen, Haseln, Buchen und Weiden. Kleine Saugorgane der Wurzeln zapfen den Nährstoffstrom des Wirtes an. Spezielle Wasserdrüsen regeln den Wassertransport und ersetzen so den Transpirationssog, der normalerweise von den grünen Blättern ausgeht. Die Schuppenwurz blüht von März bis April, wenn die Wirtsbäume mit ihrem Wassertransport beginnen. Blühreif wird die Sommerwurz etwa nach 10 Jahren. In ungünstigen Perioden bilden sich die Blüten unterirdisch. Bestäubt wird dann kleistogam, das meint ohne Befruchtung mit Hilfe von dritten. Oberirdisch sind dafür Hummeln und Bienen zuständig. Proterogyne Blüten werden auch durch den Wind bestäubt (Anemophilie). Der deutsche Namen leitet sich von den fleischigen, weißlichen, stärkehaltigen Speicherschuppen am Rhizom ab. Der Gattungsname Lathraea rührt vom altgriechischen „lathraios“ ab, zu deutsch „heimlich“, „verborgen“, und ist auf die unterirdische  Lebensweise der Pflanze gemünzt. „Lathriä“ ist übrigens auch Beiwort der Aphrodite. Die blaßrosa-hellvioletten Blüten, die eben auch im Verborgenen blühen, dürften den gelehrten Namensgeber vielleicht auch diesbezüglich inspiriert haben. Der Bärlauch hat andere Qualitäten. In Zeiten, in denen man Distanz halten muss, darf man ihn ungehemmt genießen. Keiner muß sich ob seines „durchlauchten“ Zustandes genieren. (Andreas Mahler)